Ein krankes Herz, das weiterkämpft, still, unermüdlich und voller Liebe
Ich, Tim Zelger, wurde am 7. März 1978 in Burghausen geboren. Ein ganz normaler Junge, voller Energie, immer in Bewegung, immer draußen. Damals hätte niemand gedacht, dass mein Herz eines Tages mein größter Gegner – und gleichzeitig mein stärkster Antrieb – sein würde.
Heute blicke ich auf ein Leben, das mir vieles geschenkt hat. Ich bin seit Oktober 2005 verheiratet, und meine Familie ist mein größter Halt. Meine Tochter Johanna wurde im Oktober 2007 geboren, mein Sohn Lukas im März 2009. Sie sind mein Glück, mein Stolz – und der Grund, warum ich nie aufgebe. Beruflich durfte ich als Geschäftsführer eines mittelständischen Familienunternehmens Verantwortung übernehmen. Ich hatte Pläne, Ziele, Perspektiven. Doch mein Herz hatte seinen eigenen Weg.
Die ersten Anzeichen kamen früh. Nach dem Sport verlor ich immer wieder das Bewusstsein. Anfangs dachte ich, es sei Überanstrengung. Doch 2003 kam die Diagnose – und mit ihr die erste große Entscheidung: Mir wurde ein Defibrillator mit Schrittmacherfunktion implantiert, ein ICD. Von da an lebte ich mit dem Wissen, dass ein Gerät über meinen Herzrhythmus wacht. Ein merkwürdiges Gefühl. Beängstigend – und gleichzeitig beruhigend.
Zwischen 2004 und 2010 folgten zwölf elektrophysiologische Untersuchungen mit Herzkathetern. Immer wieder Vorhofflimmern, immer wieder Eingriffe. Ich gewöhnte mich an Krankenhausflure, an das Piepen von Monitoren, an das Warten auf Ergebnisse. Doch gleichzeitig lief mein Leben weiter. Meine Kinder wurden geboren, machten ihre ersten Schritte. Ich wollte dabei sein. Und ich war es – so oft ich konnte.
2011 dann der nächste Schlag: Daumengroße Ablagerungen an der Sonde meines Defibrillators im Herzen. Eine Operation am offenen Herzen war unumgänglich. Ich erinnere mich an die Angst vor diesem Eingriff – aber noch stärker war der Gedanke an meine Familie. Ich wollte zurück zu ihnen.
2012 verschlechterte sich mein Zustand erneut. Eine weitere Herzoperation folgte, diesmal mit dem sogenannten Cox-Maze-Verfahren – einem chirurgischen Eingriff zur Behandlung von Vorhofflimmern, bei dem gezielt Narben im Herzgewebe gesetzt werden, um die
fehlerhaften elektrischen Signale zu unterbrechen. Dabei wurde auch mein Herzohr operativ entfernt. Jeder Eingriff hinterließ Spuren – nicht nur körperlich, sondern auch innerlich. Und doch machte ich weiter.
2013 erlitt ich fünf transitorische ischämische Attacken, kleine Schlaganfälle. Ein Moment, der mir zeigte, wie zerbrechlich alles ist. Wieder lag ich im Operationssaal. Der Herzbeutel wurde gefenstert, um den Druck zu reduzieren. Doch das war noch nicht das Ende. 2014 wurde mein Herzbeutel schließlich vollständig entfernt.
Manchmal habe ich mich gefragt, wie viel ein Mensch aushalten kann. 2016 kam die nächste Antwort – in Form einer Notoperation am Herzen. Keine Zeit zum Nachdenken, keine Vorbereitung. Nur die Hoffnung, dass ich es schaffe. Dass ich wieder aufwache.
2018 folgte eine weitere große Operation: Meine Herz-Lungenvenen wurden ersetzt. Ein komplizierter Eingriff, der erneut alles von mir verlangte. Ich war erschöpft – körperlich und seelisch. Aber Aufgeben war nie eine Option.
2019 traf es mich erneut hart. Eine schwere beidseitige Lungenembolie brachte mich an meine Grenzen. Wieder dieser Moment, in dem alles stillzustehen scheint. Wieder dieser Kampf zurück ins Leben.
Mit den Jahren sind die Narben mehr geworden. Jede einzelne erzählt ihre eigene Geschichte. Doch irgendwann wurde klar: Mein Herz kann diesen Weg nicht mehr alleine gehen.
2022 übernahm das Herzklinikum Bad Oeynhausen meinen Fall. Die Ärzte waren ehrlich zu mir. Durch die vielen Operationen ist das Risiko einer Herztransplantation extrem hoch. Die Wahrscheinlichkeit tödlicher Komplikationen liegt zwischen 30 und 70 Prozent. Zahlen, die man nicht einfach so akzeptiert. Zahlen, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen können. Und trotzdem gibt es Hoffnung.
Seit Oktober 2023 stehe ich auf der Transplantationsliste. Seitdem lebe ich in einem Zustand des Wartens. Jeder Anruf lässt mein Herz schneller schlagen. Jeder Tag kann der sein, der alles verändert. Oder eben nicht.
Im Frühjahr 2024 kam eine weitere große Herausforderung hinzu: Meine Nieren versagten, ich begann mit der Bauchfelldialyse. Anfangs war sie ein weiterer Versuch, meinem Körper zu helfen, ihn zu entlasten, mir Stabilität zu geben. Doch die Realität war eine andere. Die Behandlung forderte mich enorm – körperlich wie auch seelisch. Mit der Zeit wurde sie zu einer täglichen Belastung, die kaum noch zu tragen war. Nach etwa acht Monaten musste sie schließlich operativ wieder beendet werden. Die Dialyseflüssigkeit wurde von meiner Lunge aufgenommen, was zusätzliche Komplikationen verursachte und mir immer mehr die Kraft
nahm.
Als Alternative wurde mir ein Demerskatheter zur Dialyse direkt ins Herz gelegt. Ein weiterer Eingriff, ein weiterer Versuch, meinen Körper zu unterstützen. Doch auch dieser Weg blieb nicht ohne Rückschläge. Im September 2025 musste der Katheter aufgrund einer Infektion wieder entfernt werden. Es folgte ein mehrwöchiger Krankenhausaufenthalt – Tage und Nächte voller Unsicherheit, Schmerzen und der ständigen Frage, wie viel mein Körper noch aushalten kann.
Meine Kinder sind inzwischen älter. Sie verstehen mehr, als mir manchmal lieb ist. Sie sehen, dass ich kämpfe. Sie sehen auch, dass ich müde bin. Aber sie geben mir Kraft. Jeden einzelnen Tag.
Ich habe gelernt, die kleinen Dinge zu schätzen. Ein gemeinsames Essen. Ein Lachen. Ein ruhiger Moment. Dinge, die früher selbstverständlich waren, sind heute unbezahlbar. Mein Herz ist schwächer geworden. Das spüre ich jeden Tag. Aber mein Wille ist es nicht. Irgendwo da draußen gibt es vielleicht ein Herz, das mir eine zweite Chance schenkt. Ein Herz, das weiter schlägt – für mich, für meine Familie, für all die Momente, die noch kommen sollen.
Bis dahin mache ich das, was ich immer gemacht habe:
Ich kämpfe.
Still. Unermüdlich.
Und voller Liebe.
Tim