EVA SCHMID

„Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens,
aber ich wollte, dass mein Bruder weiterlebt“
Mein Name ist Eva Schmid, ich wurde 1970 geboren. Ich bin Angehörige eines
Organspenders. Im Jahr 2019 habe ich meinen Bruder János durch einen schweren
Schlaganfall verloren; er war erst 44 Jahre alt.
Ich stamme ursprünglich aus Rumänien und lebe seit 1990 in Deutschland. Ende November 2019 kam mein Bruder zu mir, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Wir hatten uns lange nicht gesehen und freuten uns sehr auf diese Zeit. Wir lachten viel, erzählten, erinnerten uns an früher – es war eine unbeschwerte, schöne Zeit, die ich heute umso mehr in meinem Herzen trage.
Doch nur zwei Wochen später, am Sonntag, den 15. Dezember, änderte sich alles. Ich ging früh am Morgen zur Arbeit, während mein Bruder noch schlief. Als ich mittags nach Hause kam, war die Wohnzimmertür noch geschlossen. Zuerst dachte ich mir nichts dabei – doch dann kam mir der Gedanke: Das kann nicht sein, dass er noch schläft.
Mit einem immer stärker werdenden unguten Gefühl ging ich ins Wohnzimmer.
Dort fand ich ihn. Er lag auf der Couch, regungslos. Vermutlich schon seit Stunden, nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte. In diesem Moment geriet meine Welt ins Wanken.Ich rief sofort den Rettungsdienst. Die Minuten, bis sie eintrafen, fühlten sich wie eine Ewigkeit an. Ich versuchte, seinen Blutdruck zu messen – er war extrem hoch, kaum messbar. Ich hatte große Angst, ihn zu verlieren.
Nach etwa zehn Minuten war der Rettungsdienst da. János wurde in das Krankenhaus
Altötting gebracht, wo er untersucht und versorgt wurde. Er kam auf die Intensivstation. In mir war die Hoffnung, dass sich alles vielleicht doch noch zum Guten wenden könnte.
Ich fuhr kurz nach Hause, um mich umzuziehen, da ich noch meine Arbeitskleidung trug. Als ich wieder ins Krankenhaus kam, wurde ich gebeten zu warten. Doch die Tür bliebgeschlossen. Man sagte mir, es gebe Komplikationen.
Kurze Zeit später kam ein Arzt zu mir. Ich werde nie vergessen, wie er mich ansah, als er sagte, dass es ihm sehr leidtue: Mein Bruder habe einen zweiten Schlaganfall erlitten.Ich durfte kurz zu ihm, dann musste er ins CT. Es war das letzte Mal, dass ich ihm in die Augen schauen konnte. Im CT kam es zu einem Notfall. Er krampfte. Danach konnte er nicht mehr selbstständig atmen. Ein Arzt erklärte mir schließlich, dass 60 % seines Gehirns betroffen sind und dass man im Krankenhaus Altötting nichts mehr für ihn tun könne. Ich konnte und wollte das nicht akzeptieren. „Und jetzt?“, fragte ich. „Das kann es doch nicht gewesen sein. Er hat einen Schlaganfall – das schaffen wir schon.“
Doch ich spürte gleichzeitig, dass sich etwas Unaufhaltsames in Bewegung gesetzt hatte. Der Arzt sagte, mein Bruder müsse in eine andere Klinik verlegt werden. Dann stellte er die Frage nach der Kostenübernahme. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass János nicht krankenversichert war. Trotz der Situation zögerte ich keine Sekunde. „Ich übernehme das“, sagte ich. „Wo muss ich unterschreiben?“
Dann ging alles sehr schnell. Etwa 25 Minuten später wurde mein Bruder mit dem Rettungshubschrauber vom BRK nach Deggendorf geflogen. Ich fuhr gemeinsam mit meiner Schwiegertochter mit dem Auto hinterher. Mein Sohn, der in München lebt, war bereits dort als wir ankamen und sagte mir, dass János schon im Operationssaal sei.
Diese Zeit des Wartens war kaum auszuhalten. Nach etwa einer Stunde kam der Professor zu uns. Er sagte, dass die Operation fast abgeschlossen sei, es aber sehr schlecht um meinen Bruder stehe. Sein Gehirn sei so stark angeschwollen, dass die Schädeldecke nicht habe geschlossen werden können. Nach der Operation durften wir zu ihm. Er lag im Koma. Ich saß bei ihm, hielt seine Hand und hoffte – obwohl ich tief in mir schon spürte, wie ernst die Situation war. Wir blieben bis in die frühen Morgenstunden bei ihm. Am nächsten Morgen sagte ich dem Arzt, dass ich kurz nach Hause gehe und später wiederkommen würde. Dann stellte er mir die Frage, ob mein Bruder einen Organspendeausweis habe. Gleichzeitig sagte er, dass ich diese Entscheidung nicht sofort treffen müsse. Ich erklärte ihm auch, dass János keinen Organspendeausweis hatte und wir nie über dieses Thema gesprochen hatten.
Ich ging zur Arbeit, um dort Bescheid zu sagen, dass ich für unbestimmte Zeit ausfallen
würde. Ein paar Stunden später klingelte mein Telefon. Das Krankenhaus Deggendorf war dran. Die Untersuchungen seien abgeschlossen – das Schlimmste sei eingetreten. Mein Bruder sei hirntot. Eine zweite Diagnostik werde 12 Stunden später von einem Externen Arzt zur Bestätigung durchgeführt. Am Telefon konnte ich kaum begreifen, was geschehen war. Alles fühlte sich unwirklich an. Mir war zwar klar, dass alles sehr ernst war, doch ich war mit dieser Situation völlig überfordert. Ich war bereits auf dem Weg zurück nach Deggendorf. Dort angekommen, durfte ich sofort zu János. Ich konnte so lange bei ihm bleiben, wie ich wollte. In einem Gespräch erklärte mir der Arzt ruhig, was die Diagnose bedeutete. Ich sagte: Ja, es ist die schlimmste Diagnose die es gibt „Mein Bruder ist tot.“ Und in diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich ihn verloren hatte. Ich verbrachte den ganzen Tag an seinem Bett. Ich hielt seine Hand, sprach mit ihm, erzählte ihm alles, was in mir vorging. Ich hoffte auf ein Zeichen – irgendetwas, das mir zeigt, dass er mich noch hört. Doch es kam nichts. Ich sagte zu ihm: „Ich will nicht, dass du stirbst. Aber ich spüre, dass du schon nicht mehr hier bist. Vielleicht stehst du neben mir.“ Ich war so in meiner Trauer gefangen, dass ich nicht bemerkte, dass ein Arzt und ein Pfleger im Raum standen. Als ich mich umdrehte, sah ich sie nur verschwommen durch meine Tränen. Der Professor sagte mir leise: „Frau Schmid, ist alles in Ordnung? Sie machen das so gut. Sie haben Ihre Entscheidung getroffen!
Ich antwortete: „Ja. Ich hoffe, es ist in seinem Sinne. Aber ich glaube, ich kenne ihn gut. Er ist mein Bruder. Er hat meine Entscheidungen immer gut gefunden und verstanden. Ich möchte nicht, dass er stirbt – aber er ist schon tot. Und ich möchte nicht, dass sein Tod so sinnlos ist.“ Ich sagte Ja zur Organspende. Dann fragte ich den Arzt nach einem Seelsorger, der meinem Bruder die letzte Ölung spenden könnte. Er versprach, dies für uns zu organisieren. Einige Stunden später kam ein Pfarrer und erteilte János die letzte Ölung. Das war für mich wichtig und auch eine Erleichterung. Es war die schwersten Entscheidungen meines Lebens – und gleichzeitig fühlte es sich richtig an. Einige Stunden später bestätigte die zweite Hirntoddiagnostik endgültig den Tod meines Bruders. Am letzten Tag vor der Organentnahme kamen früh am Morgen die Mitarbeiter der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Ich traf den Koordinator Kilian W. zunächst auf dem Flur, ohne zu wissen, wer er war. Als er sich vorstellte, fühlte ich mich sofort etwas aufgefangen. Er erklärte mir in Ruhe, was nun passieren würde. Danach ging ich zurück zu meinem Bruder und erzählte ihm alles. Ich erzählte ihm den Ablauf der Organspende – so, als könnte er mich noch hören. Dann begann das Warten. Eurotransplant wurde informiert, und passende Empfänger wurden gesucht. Gegen 16:30 Uhr stand fest, dass für alle Organe Empfänger gefunden worden waren. Für
mich änderte sich nichts – ich und der Koordinator blieben an János Seite. Es war ein gutes Gefühl das ich nicht alleine war. Dann wurde mein Bruder schon für die Organspende vorbereitet. In der Nacht zum 19. Dezember 2019, um 1:15 Uhr, wurde mein Bruder in den Operationssaal gebracht. Ich wartete draußen. Die Operation dauerte mehrere Stunden. Anschließend wurde im Operationssaal eine Schweigeminute zu Ehren des Organspenders abgehalten. Danach nahm ich Abschied von meinem Bruder. An jenem Tag starben wir beide, doch auf verschiedene Weise: Er, indem sein Atem sich in die Stille legte, und ich, indem ich weiter atmen musste in einer Welt, die ohne ihn nicht mehr dieselbe war. János bleibt für immer in meinem Herzen. Durch seine Organspende hat er sechs Menschen das Leben gerettet und ihren Familien – kurz vor Weihnachten – neue Hoffnung geschenkt. „Organspender und Organspenderinnen sind stille Helden. Ohne sie und deren Angehörige gäbe es keine Transplantationen.“ Organspende kann jeden von Euch treffen, von heute auf Morgen, ohne Vorwarnung! Trefft Eure Entscheidung zu Lebzeiten selbst! Redet mit Euren Angehörigen darüber und Entlastet sie, in so einer so schweren Situation eine Entscheidung treffen zu müssen! Ein Nein ist genauso wichtig wie ein Ja!
DEINE ENTSCHEIDUNG ZÄHLT!

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