Nierenlebendspende: Wenn die Ehefrau zur Lebensretterin wird.
Ich, Reinhard, wurde im Dezember 1968 in Mühldorf am Inn geboren.

Es begann leise. Fast unbemerkt.1987 wurde bei einer Routineuntersuchung erstmals eine erhöhte Eiweißausscheidung im Urin festgestellt. Zu diesem Zeitpunkt ahnte niemand, welche Bedeutung dieser unscheinbare Befund einmal haben würde. Das Leben ging weiter – begleitet von regelmäßigen Kontrolluntersuchungen beim Urologen, von vorsichtiger
Beobachtung und stiller Hoffnung.
Erst viele Jahre später, im Jahr 2011, wurde der nächste Schritt notwendig. Mein Hausarzt überwies mich zu einem Nephrologen, einem Spezialisten für Nierenerkrankungen. Von da an wurde meine Nierenfunktion genauer untersucht und regelmäßig kontrolliert. 2013 folgte schließlich die Diagnose, die alles veränderte: Alport-Syndrom.Eine genetisch bedingte, chronische Erkrankung der Nieren. Vererbt von meiner Mutter – ohne dass jemals zuvor jemand in unserer Familie davon gewusst hatte. Mit einem Mal bekam die Ungewissheit einen Namen. Und die Zukunft eine neue Realität.
Die folgenden Jahre waren geprägt von einem langsamen, aber stetigen Fortschreiten der Erkrankung. Bis 2017 schließlich der Moment kam, der alles endgültig klar machte: Meine Nierenfunktion verschlechterte sich zunehmend, und eine Dialyse würde unausweichlich werden.
Für meine Frau stand in diesem Moment etwas fest, das man nicht planen kann – nur fühlen.
Sie wollte helfen.
Ohne Zögern erklärte sie sich bereit, mir eine Niere zu spenden. Eine Entscheidung, die aus tiefster Liebe und Verbundenheit entstand – und die unser Leben grundlegend verändern sollte.
Für sie begann damit ein langer Weg: Fast ein ganzes Jahr voller intensiver medizinischer Untersuchungen, Tests und Gespräche. Jeder Schritt musste sorgfältig geprüft werden, um sicherzustellen, dass eine Lebendnierenspende möglich und für sie gesundheitlich unbedenklich ist.
Währenddessen verschlechterte sich mein Zustand weiter.
Im Februar 2018 blieb schließlich keine andere Wahl mehr: Die Dialyse begann. Mehrmals pro Woche, stundenlang – ein Leben im Rhythmus der Maschine. Eine körperlich und emotional belastende Zeit, die auch unsere Familie vor große Herausforderungen stellte.
Unsere Kinder waren damals erst 10 und 14 Jahre alt. Der Alltag veränderte sich grundlegend. Vieles musste neu organisiert werden. Doch wir waren nicht allein. Mit der Unterstützung unserer Familie haben wir diese schwierige Phase gemeinsam getragen.

Und dann kam der Moment der Hoffnung.
Im Mai 2018 konnte die Nierentransplantation im Klinikum rechts der Isar in München durchgeführt werden. Von Anfang an fühlten wir uns dort bestens aufgehoben – vor und auch nach der Operation wurden wir mit großer Sorgfalt und Menschlichkeit begleitet.
Die Transplantation verlief erfolgreich und wir durften ein neues Kapitel beginnen, mit positiven blicken in die Zukunft.
Meine Frau und ich gingen gemeinsam in die Rehabilitationsklinik nach Bad Heilbrunn. Diese Wochen waren für uns beide unglaublich wertvoll. Schritt für Schritt lernte ich, mit der geschenkten Niere zu leben – und wir beide fanden zurück in einen Alltag, der sich langsam wieder nach Leben anfühlte. Es war eine Zeit des Heilens, der Geduld und der neuen Kraft.
Es fühlt sich an, als hätte ich mein Leben ein zweites Mal geschenkt bekommen – und jeder einzelne Tag ist seitdem ein kostbares Wunder.
Ich kann meinen Alltag genießen, meiner Arbeit nachgehen und nach vorne schauen. Dinge, die früher selbstverständlich waren, haben heute eine ganz andere Bedeutung.Vor allem aber empfinde ich eine:
- tiefe Dankbarkeit gegenüber meiner geliebten Frau, die mir mit ihrer Spende ein neues Leben geschenkt hat.
- Dankbarkeit gegenüber unserer Familie, die uns getragen hat.
- Dankbarkeit für die Möglichkeiten der modernen Medizin.
Unsere Geschichte zeigt, was möglich ist, wenn Menschen füreinander da sind.
Wenn Liebe stärker ist als die Angst.
Und wenn aus der Ehefrau ein Lebensretterin wird.

Reinhard mit Familie