Peter Schlauderer

Das wunderbare Leben des Peter S.

Wie oft kann man sein Leben geschenkt bekommen?

Am ersten Hochzeitstag meiner Eltern, im August 1966, wurde ich als „augenscheinlich“ gesundes Kind geboren. Da war die Welt für unsere Familie noch in Ordnung.

Im Frühjahr 1977 verlor ich an Gewicht und war sehr matt, weshalb meine Mutter mit mir zum Hausarzt ging, welcher Diabetes feststellte. Am nächsten Tag kam ich ins Kreiskrankenhaus, wo mir, nicht unbedingt kindgerecht, das Insulinspritzen beigebracht wurde. Mit einem 10-jährigen Diabetiker waren sie dort überfordert. So ging es in die städtische Kinderklinik nach Regensburg. Man stellte fest, dass der Diabetes durch Pfeiffersches Drüsenfieber ausgelöst wurde, die Leberwerte viel zu hoch waren und ich eine vergrößerte Milz hatte.

Der Diabetes war trotz aller Bemühungen schwer in den Griff zu bekommen. Die Werte gingen, aufgrund der damals bescheidenen Mittel ständig auf und ab. Mit 20 Jahren bekam ich im Schwabinger Krankenhaus eine Insulinpumpe, wodurch sich der Diabetes wesentlich verbesserte. Im Zuge dieses Klinikaufenthalts stellte man durch eine Biopsie der Leber einen angeborenen Schaden fest. Der Fokus lag auf dem Diabetes und den hoffentlich zu vermeidenden Spätschäden.

Als ich noch keine 30 Jahre war, stieg mein Kreatinin-Wert an. Ich war Vater von drei Söhnen und als Schreiner im Fahrzeugmodellbau tätig. Die Nierenwerte verschlechterten sich und ich musste am Augenhintergrund gelasert werden. Mein Blutdruck stieg und ich war mittendrin in der Spirale der diabetischen Folgeschäden. Mit 32 Jahren legte man mir die Dialyse nahe. Erst als ich ständig kotzen musste, sah ich ein, dass ich ohne Dialyse nicht überleben konnte und wählte schweren Herzens die Bauchfelldialyse.

Die Ärzte, im Sankt Josefs Krankenhaus in Regensburg, meldeten mich mit Beginn der Dialyse bei Eurotransplant für eine Nieren- und Bauchspeicheldrüsen-Transplantation an. Nachts hing ich 7-8 Stunden am Gerät zur Dialyse und tagsüber ging ich zur Arbeit. Unser Schlafzimmer glich einem medizinischen Kranken- und Lagerraum. Ein 30 cm Schlauch hing aus meiner linken Bauchhälfte und rechts lag der dünne Schlauch der Insulinpumpe unter der Haut.

Am 28. Oktober 1999 kam der Anruf, es wären Organe für mich da. Meine Frau war mit dem fünften Kind hoch schwanger und ich wollte bei der Geburt, wie bei unseren Söhnen auch, dabei sein. Wir entschieden uns zur Transplantation.

Ich bekam genetisch sehr gut passende Organe geschenkt, die Niere nahm die Urinproduktion während der Operation auf und die Bauchspeicheldrüse sorgte dafür, dass ich keinen Diabetes mehr hatte. Der Blutdruck normalisierte sich und die Blutungen im Augenhintergrund lösten sich auf. Ich kam zurück in ein normales Leben, konnte für meine Familie da sein und stieg im Sommer 2000 wieder in meinen Beruf ein. Ich war meinem unbekannten Organspender unendlich dankbar für mein Geschenk des Lebens.

Fünf Jahre später geschah das Absehbare, unsere Ehe war leider gescheitert, verschlechterten sich meine Leberwerte so, dass mir die Ärzte rieten, mich für eine Lebertransplantation listen zu lassen. Ich ging weiter zur Arbeit, mehr schlecht als recht, und kämpfte mit allen Auswirkungen eines Leberpatienten, wie Zittern, Juckreiz, und Vergiftungserscheinungen. Ich war ein Schatten meiner selbst.

Am 04.04.2007, als ich schon zu Bett war, kam der Anruf, es sei eine Leber für mich da. Ab ins Uniklinikum Regensburg. Nach der Transplantation, auf der Intensivstation ging es mir schlecht, ich hatte unbeschreibliche Wahnvorstellungen. Auf der Normalstation verschlechterte sich mein Zustand und ich brach beim Frühstück zusammen. Durch ein CT stellte man ein Frontalhirnsyndrom (Hirnentzündung), ausgelöst von den Immunsuppressiva, fest.

Die Medikamente wurden umgestellt, aber ich war nicht mehr der Mensch der ich vorher war. Alles verlangsamte sich. Ich konnte nicht mehr sprechen, meine Motorik war kaputt, mein Gleichgewicht nicht mehr halten, schlicht ich hatte, in meinen Worten, meinen Verstand verloren. Der Kampf zurück ins Leben war brutal für mich und meine Angehörigen. Ich lernte wieder sprechen, gehen und am Leben wieder teilzunehmen. Eine psychosomatische Reha, ein Jahr nach der Transplantation, pushte mich vorwärts.

Im Jahr 2010 stieg ich auf Anfrage meiner Leber- Ärztin in die Selbsthilfeaktivität beim Verein „Lebertransplantierte Deutschland e.V.“ ein. So begann ich Leberpatienten im Klinikum  zu besuchen, um sie in ihrer Situation zu ermutigen. Seit dieser Zeit setze ich mich zur Aufklärung zum Thema Organspende ein.

Beim Verein „Gegen den Tod auf der Organwarteliste e.V.“ setze ich mich für die Legalisierung der Überkreuzspende oder Ringspende, zur Nierentransplantation und zur politischen Verbesserung der Organspende ein. Wir Betroffene machen die Arbeit, die der Politik nicht gelingt. Es gäbe viel Leid zu lindern oder zu ersparen. Es fehlt der politische Wille in Deutschland. Jedes Jahr sterben ca. 1.000 Menschen, denen ich wünschte, so viel Glück zu haben wie ich.

Dank meiner drei Organspenden von meinen beiden Organspendern kann ich heute ein glücklicher Vater von vier Söhnen, einer Tochter und Opa von vier Enkelkindern sein.

Was für ein wunderbares Leben.

Peter Schlauderer

 

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